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September 14, 2016

Hotel Amazonas: lässig Diskussionen anstacheln, Kunst + Land aufeinander prallen lassen

Kunigunde Weissenegger

Es geht um Tasten, Geister, Hexen, Superkräfte. Nach Open Fields 2015 und Utopie Toipue Oipute Pietou 2012 geht das Residenzprojekt Hotel Amazonas am Aspmayr-Hof in Unterwangen am Ritten dies Jahr in die dritte (und hoffentlich nicht letzte – doch dazu später mehr) Runde. Auf más o menos 1000 Metern Meereshöhe, in steiler (es trifft sowohl die eine Definition – cool – als auch die andere – schroff + schräg – zu) Landschaft laden Margareth Kaserer und Simon Steinhauser Künstlerinnen und Künstler, Forscherinnen und Forscher aus den verschiedensten Disziplinen (je unterschiedlicher desto besser) zum Rück- und Schaffenszug (5.–17.9.2016 + 1.15.10.2016). An zwei Wochenenden (15.+16. September sowie 15. Oktober) wird auch Fremden Einlass ins Hotel gewährt und getane Arbeit präsentiert. Ein großes Projekt für die sehr nahe Zukunft ist auch die Wiedereröffnung des Aspmayr Hofes als Buschenschank im Oktober 2016, durch den das Kulturprogramm in Zukunft finanziell getragen werden könnte (!). Da gehört doch mal näher nachgefragt.

Zunächst, was steht denn im Mittelpunkt der heurigen Residenzschaft am Aspmayr Hof?

Hotel Amazonas: Im Mittelpunkt des heurigen Residenzprojektes stehen die Arbeiten von bildenden KünstlerInnen. Christian Daschek, Ulrike Buck, Tricia Middleton und Edward Chapon bewegen sich in den Bereichen zwischen Architektur, Fotografie und bildender Kunst. Thematisch ordnen sie sich in die zwei Festivalwochenenden im September und Oktober ein, wobei ein Schwerpunkt das Thema „Tastatur“ sein wird und ein Schwerpunkt das Thema „Übernatürlichkeit“. Bei Erstem gibt es natürlich einen musikalischen Fokus, beim Zweiten bewegen wir uns in Zonen des Okkulten, des Obskuren und des Aberglaubens – Zonen, in denen Vertrautes plötzlich unvertraut erscheint und in denen die Rationalität ins Wanken gebracht wird. 

Auch für die Festivaltage haben wir passend zu den Mottos FOCUS ON THE KEYBOARD und HARVESTING THE SUPERNATURAL eine Reihe an KünstlerInnen und ForscherInnen eingeladen: Stefan Fraunberger, Manuela Kerer, Michael Lahner, B Leaf, Kero Fichter, Laura Lovatel, Federica Menin, Peter#KOMPRIPIOTR#Holzknecht, Zolf&Saturn, Ulrike Buck und Tricia Middleton. Am 15. und 16. September und am 15. Oktober öffnen wir Tür und Tor und laden das Publikum ein, sich für einen oder zwei Abende auf etwas Neues einzulassen. Wenn alles nach Plan läuft, wird auch die österreichische Band Ventil ein Konzert Anfang Oktober in Zusammenarbeit mit Hotel Amazonas in Südtirol spielen. Entlang unserer diesjährigen Themen geht es im Mittelpunkt immer darum, Menschen zusammenzubringen, Diskussionen anzustacheln und Kunst und Land aufeinanderprallen und sich gegenseitig befruchten zu lassen.  

Was hat es mit eurem Buschenschank-Projekt auf sich?  

Hotel Amazonas: Der Buschenschank am Aspmayr war ungefähr bis zum Jahr 2000 ein versteckter, aber auch gern besuchter Ort am Ritten. Da der Hof am Ende der Gemeindestraße in Unterwangen am Ritten liegt und gleichzeitig ohne Nachbarn gelegen ist, war und ist es ein Ort ohne Durchzugsgefühl, ein Ort zum Verweilen. Dieses Verweilen, bzw. diese Energie des sich Aufhaltens ohne der Hektik, gleich weiter zu müssen, wollen wir wieder erfahrbar machen. Die Magie des Ortes soll auf BesucherInnen in vielerlei Hinsicht wirken können. Nicht nur kulinarisch, eben auch künstlerisch. Da wir beide aus dem Kulturkontext kommen, ist uns das neben der Hofarbeit ein Hauptanliegen. Künstlerische Energien sollen ebenso ausgeschenkt werden wie naturbelassene Produkte vom Hof. Wichtig ist uns Vielfalt und Qualität. Quantität und Mainstream findet hier wenig Platz. Auf Basis dieser Idee haben wir 2012, 2015 und 2016 das Residenzprogramm mit Festival organisiert und hoffentlich zu einem Fixpunkt der Südtiroler Kulturszene geführt.Aspmayr Hof Hotel Amazonas 2016

Zur Umsetzung eures Programms habt ihr für heuer auch eine Förderung vom Amt für Deutsche Kultur bekommen. Wie sieht’s in Zukunft aus…? 

Hotel Amazonas: Dazu muss man etwas ausholen, was Ziel, Idee und Umsetzung von Hotel Amazonas betrifft und was die Anfragen bzw. Aussagen von Hotel Amazonas und Kulturamt sind: 

In unserem Ansuchen wurde von uns folgender Text verfasst: […] Hotel Amazonas bringt zeitgenössische Kunst und Kultur mit (inter)nationalen eingeladenen KünstlerInnen und ExpertInnen aufs Land. Der Aspmayr-Hof in Wangen auf dem Ritten wird dabei zum Festivalzentrum mit Artist-in-Residency-Programm. […] Hotel Amazonas versteht sich als neuen Raum für Kunst, angesiedelt auf einem Bergbauernhof und Buschenschank (Wiedereröffnung Sommer 2016). Zielgruppen des Projektes sind KünstlerInnen und Kulturschaffende, TheoretikerInnen, AktivistInnen und die breite, interessierte Öffentlichkeit. Der derzeit behutsam von uns wiederbelebte Hof erhält dadurch eine neue und weitere Funktion und Aufgabe: der Stadel wird zum Konzertraum, der ehemalige Schweinestall zur Ausstellungsfläche, Wiesen und Wälder werden Performanceräume, die Räume des Hauses werden zu Ateliers, die Terrasse zur Bühne, die Garage zur Leseecke, der Garten zum Labor. […].  

Die darauf folgende Mitteilung des Kulturamtes für die Förderzusage von 2016 ist auszugsweise folgende: In der Begutachtung Ihres Antrages hat der Kulturbeirat festgehalten, dass die Tätigkeit des Vereins „Hotel Amazonas“ ab 2017 nicht mehr durch die Kulturabteilung gefördert werden soll. Die Residenz sollte sich durch die geplante Einrichtung eines Kulturgasthofes tragen. 

Erst mal sehen wir es als vertrauensbildend an, dass ein Projekt zu einer Wiederholung wird. Also dass es weiterhin gefördert wird/wurde. Neben Provinz Südtirol haben auch andere Sponsoren, Unterstützer, Teilnehmer wie auch Publikum verstanden, dass das Projekt unterstützungsberechtigt und wichtig für die Region ist. Künstlerisch wie auch interessensverbindend.  

Die Argumentation, Hotel Amazonas als Residenzprogramm wie auch als Festival vom eigenen Kulturgasthof zu erhalten, ist vielleicht noch etwas vorausgegriffen. Wenn der Buschenschank (wir verwenden dieses Wort im Moment lieber als Kulturgasthof, da wir weder Koch-, noch Servierpersonal haben, keine getrennten Toiletten, keinen Busparkplatz, keine Seilbahnanbindung, Schmalspurbahn, Zahnradbahn, oder sonstige touristische Attraktionen vor dem Haus haben und auch keine Lizenz besitzen (wollen), um einen „richtigen“ Gasthof zu führen, sondern, wie einige Nachbarn am Ritten, selbst angebaute Produkte in der 300 Jahre alten Stube anbieten) heuer im ersten Herbst einen Umsatz von 3.000 € bringt, sind wir mehr als zufrieden. Wenn realistischerweise nächstes Jahr ein paar Tausend Euro mehr reinkommen würden, ist das schon super für den Anfang. Ob uns jemand glaubt, dass die Einkunft eines Buschenschanks, wie oben beschrieben, ein Festival mit momentan ca. 5.000,- Euro (ein Teil davon kommt ohnehin aus eigener Tasche) mitfinanzieren soll – diese Frage kann man sich auch selbst beantworten. Wenn ein „Kulturgasthof“ im Jahr 50.000,- Euro erwirtschaftet, dann würden wir es für richtig halten, nicht mehr bei der Provinz ansuchen zu müssen und das Geld in andere Projekte zu investieren. Der Buschenschank soll jedenfalls auch für Hotel Amazonas finanziell unterstützend sein, sobald er auch nur irgendwie etwas beitragen kann, er kann aber im Moment noch nicht das Festival finanziell stemmen. 

Die Entscheidung, das Projekt Hotel Amazonas weiter zu fördern, sollte also im Moment nicht auf der Basis eines (auch in Zukunft) nicht vorhandenen „Kulturgasthofes“ diskutiert werden, sondern alleinig auf Basis eines künstlerischen Mehrwertes (wir hassen dieses Wort, allerdings scheint es uns für die Region Südtirol hier nicht allzu unattraktiv zu sein; umschrieben hieße das: empathisch, politisch, queer, nicht finanziell orientiert, subkulturell etc.), der verbindend wirkt. Die geplante Einstellung der Förderung können wir uns also im Moment nicht wirklich vorstellen, bzw. wäre es ein Schuss ins Knie der kulturellen Beweglichkeit Südtirols oder auch eine vertane Chance, Kultur abseits vom Mainstream zu fördern. 

Nun also zum PROGRAMM:

15.09.2016
19:30 H – Stefan Fraunberger (AT) – Quellgeister – Konzert an der Orgel der Pfarrkirche Wangen (Ritten) 
21:00 H – Manuela Kerer (IT) – Tasten – Vortrag im Hotel Amazonas
22:00 H – Michael Lahner (AT) – Synthesizer-Konzert im Hotel Amazonas 

16.09.2016
16:00 H – We don’t play Guitars! – Happening mit verschiedenen Tasteninstrumenten im Hotel Amazonas
22:30 H – DJ Set by B Leaf (AT)

Laufend – Christian Daschek (AT) – Hotelbar Trans-Alpino

15.10.2016
19:00 Uhr – Kero Fichter (DE) – Which witch?! Die Figur der Hexe im Bild – Vortrag im Hotel Amazonas
21:00 Uhr – Peter#KOMPRIPIOTR#Holzknecht (IT) – Hausgeister-Geisterhaus – Performance im Hotel Amazonas
22:30 Uhr – Zolf & Saturn (IT) – Musik für gutes Reisen – Konzert im Hotel Amazonas

Laufend 
Laura Lovatel (IT) & Federica Menin (IT)– One Rooms – Performative Sound-Installation
Ulrike Buck (DE) & Tricia Middleton (CAN) – Performative Installation
Edward Chapon (FR/AT) – Photography

Programmdetails: ooooo.be/hotelamazonas

Fotos: Hotel Amazonas

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