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August 10, 2016

Die Schönheit des Widerstandes: Filmemacher Alexander Schiebel über “Das Wunder von Mals”

Katja Telser

Als er im Zuge eines Filmdrehs Anfang 2015 am Tartscher Bühel vorbei kam, war er begeistert von der Schönheit der ihn umgebenden Kulturlandschaft. Von einem der Hauptdarsteller seines Films, dem Fotografen Gianni Bodini, wurde er gewarnt, er solle sich die Landschaft gut anschauen, denn in zehn Jahren werde es nur noch Apfelanlagen geben. – Darauf entgegnete und erinnerte er an die Volksabstimmung von 2014, bei der 76 Prozent der MalserInnen für eine pestizidfreie Gemeinde gestimmt hatten. Bodini meinte nur, dass zum Schluss Macht und Geld gewinnen würden.
Das Interesse hatte ihn gepackt. Sogleich wurde er von allen Seiten gewarnt: Wenn er dieses Thema angreife, würde niemand in Südtirol mehr mit ihm Geschäfte machen. Der Regisseur Alexander Schiebel dachte sich bloß: „Dann erst recht!“ So entstand die Idee zum Film “Das Wunder von Mals“. Dabei handelt es sich weniger um einen Film über Pestizide, sondern vielmehr um den Aufstand einer Gemeinschaft.

Mals Tartsch

Was ist das “Wunder” von Mals?

Das “Wunder” besteht in dem Weg des Widerstandes. Zuerst, wenn du dich auf den Weg machst, spürst du dich selbst viel mehr, weil du mutig warst. In einer zweiten Phase findest du andere Leute, die es gewagt haben. In einer dritten Phase merken diese Menschen – weil sie eben alle eigensinnig sind – wie sie eine Art Mosaik verschiedener Stärken bilden, die zusammen eine besondere Kraft entwickeln. Diese ist viel mächtiger als bestimmte Interessenverbände mit ihrem vielen Geld, weil sie aus dem Herzen kommt. Dann aber wirst du mit einer ungeheuren Menge an Widerstand zu kämpfen haben – so lange, bis du nahe dran bist, aufzugeben. Wenn du diese Wüste durchquert hast und aus Prinzip für den Rest deines Lebens am Guten festhältst, bist du sozusagen auf einem höheren Level angelangt.

Der Untertitel des Films lautet “Ein Film über Monokultur Kapitalismus”…

Schon nicht mehr. Er ändert sich häufig. Einen Augenblick lang habe ich damit kokettiert, dass der Untertitel “‘Ja’ ist die Antwort” lauten sollte. Ursprünglich dachte ich, es geht um die Wirtschaftsweise, die uns peinigt, (das Wort “Kapitalismus” verwende ich jetzt lieber nicht, weil damit so viele Assoziationen verbunden sind) und die zu einer Massenproduktion führt. Es geht aber nicht um dieses Phänomen, das uns überrollt, sondern um die Schönheit des Widerstandes. Folglich stimmt der Untertitel nicht. “Ja” ist die Antwort. “Ja” zu dir selbst. “Ja” zur Gesundheit. “Ja” zur Vielfalt. “Ja” zu den anderen Menschen, zu den Tieren, zu den Pflanzen. 

Der Volkswille bei der Abstimmung 2014 war klar. Was glaubst du, warum ließ man die MalserInnen nicht einfach probieren, sondern legte ihnen Steine in den Weg?

Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe. Aus der Sicht der Bauernverbände – die hauptsächlich die konventionellen Bauern vertreten und sich wenig um die Biobauern kümmern – spielt sicher der Gedanke mit, eine Art Flächenbrand im Keim zu ersticken. Die Bevölkerung darf nicht auf die Idee kommen, dass sie in der Landwirtschaftspolitik mitbestimmen dürfte. Die Bauern sind auch so gut organisiert und mächtig, dass sich tatsächlich das ganze Land in einer Art Angststarre vor ihnen befindet. Niemand will das Thema ansprechen, obwohl viele Leute wegen dieses Themas Sorge haben. Das ist der Vernunftgrund.
Der emotionale Grund oder der Nicht-Vernunftgrund besteht darin, dass man sich aus Reflex nicht drein reden lassen will. In einer von oben nach unten durchorganisierter Gesellschaft darf es nicht vorkommen, dass jemand von unten anfängt dazwischen zu reden. 

Tartscher Bühel

Vor allem in den Social Media ist die Tendenz hin zu einem bewussten und gesunden Lebensstil zu erkennen. Meiner Meinung nach passen biologische Produkte sehr gut in dieses Konzept und lassen sich daher auch vermarkten. Wie siehst du das?

Es gibt ein Gedicht von Hölderlin, in dem der berühmte Satz vorkommt: “Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch.” Eine nachhaltige Lebensweise wird von immer mehr Leuten gelebt. Allerdings hat man oft den Eindruck, dass sich das Nachhaltige langsamer entwickelt als das Zerstörerische. So, wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch – aber langsamer als das Zerstörerische. Woher sollen wir unseren Mut nehmen, unsere Hoffnung, unseren Glauben, unser Vertrauen und unseren Kampfgeist? Wer die Antwort hören will, kann ja meinen Film anschauen.

Ein gerne verwendetes Argument der Pestizid-BefürworterInnen ist: “Alle wollen eine Landwirtschaft ohne Pestizide, aber niemand ist bereit, mehr für die biologischen Produkte zu bezahlen – überhaupt, wenn sie nicht mehr so makellos aussehen.” Was antwortest du ihnen?

Das größte Problem der Monokulturen in Südtirol sind die Monokulturen im Kopf. Diese verhindern eine sachliche und ergebnisoffene Diskussion. Die BefürworterInnen der aktuellen industriellen Landwirtschaft erzählen 100 Mal dieselben Argumente. Sie verwenden sie sogar dann, wenn sie in keinerlei Bezug zu dem Diskussionsgegenstand stehen.
Dein gebrachtes Argument ist vielleicht das beste der konventionellen Obstbauern. Tatsächlich besitzt der Konsument mit seiner Brieftasche die Möglichkeit, die Landwirtschaft von heute auf morgen umzustellen. Und er nutzt sie nicht. Der Markt unserer Nahrungsmittel hat mindestens drei Dimensionen: Erstens, was macht der Konsument; zweitens, was macht der Produzent; und drittens, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen wir. Wir haben darüber abgestimmt, dass wir andere Rahmenbedingungen im schönen Mals haben wollen. Bei dem Argument handelt es sich also um ein Ausweichmanöver.
So, wir können gerne auch über die KonsumentInnen diskutieren und ich bin sehr froh, wenn der Südtiroler Bauernbund eine Kampagne für KonsumentInnen macht, dass alle Bio-Produkte kaufen sollen. Aber eins geht nicht: die Übersteigerung des Arguments, dass ausschließlich der Konsument es in der Hand hat. Haben die ProduzentInnen überhaupt kein eigenes Denken und keine eigene Verantwortung? Oder dürfen sie auch selbst entscheiden, welchen Weg sie einschlagen? Malser Haide Vinschgau franzmagazine

Pestizide dürfen nur mit einem Abstand von 50 Metern zu öffentlichen Plätzen, Schulen, Radwegen und so weiter eingesetzt werden – zu Gewässern sind es sogar 200 Meter. Dadurch, dass die Parzellen in Mals nicht so groß sind, kommt das einem Verbot gleich. Kann Mals damit schon als “pestizidfrei” bezeichnet werden?

Nein, weil alle, die hier bereits konventionelle Obstanlagen hatten, zwei Jahre Zeit haben, sich umzustellen. Aber nur deshalb ist Mals jetzt noch nicht pestizidfrei.

Würdest du Mals als Schutzraum für die biologische Landwirtschaft bezeichnen?

Nein. Gar so ökologisch oder nachhaltig ist die Landwirtschaft, die hier betrieben wird, auch nicht. Zum Beispiel gibt es im Hinblick auf die Viehwirtschaft auch Biobauern und konventionelle Bauern. In Bezug auf die Artenvielfalt ist eine biologische Monokultur auch nicht besser als eine konventionelle. Das heißt, es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Es ist bestimmt nicht die Paradiesregion der ökologischen Landwirtschaft.
Allerdings scheint es mir sinnvoll, mit dem schlimmsten Laster zu beginnen und auf diesem Weg langsam kräftiger zu werden und die nächsten Probleme anzugehen. So nach dem Motto: “Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden.”

Was wünschst du dir für Mals?

Mut. 

Wann wird der Film “Das Wunder von Mals” zu sehen sein?

Ab August 2016 in zwölf Episoden im Internet, im Oktober 2016 in einer Vorpremiere in einem Kino in München und ab November 2016 auf DVD, im Fernsehen und in ausgewählten Kinos.
Es wird übrigens auch ein Buch geben. Das hat sich sozusagen aus Versehen ergeben, weil ich die Fülle des Materials nur bewältigen konnte, indem ich alles transkribiert habe. Es wird ab November 2016 erhältlich sein, damit es unter dem Weihnachtsbaum liegen kann.

Alexander Schiebel: aufgewachsen in Salzburg als Kind einer Flüchtlingsfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg Schlesien verlassen hat; begann allerlei Studien in Wien, hat keines davon abgeschlossen, aber am intensivsten Geschichte und Film studiert; arbeitete für den ORF; hat zwanzig Jahre als Softwareentwickler, als Internetunternehmer und zusehends als Internet-Marketing-Experte verbracht; hat sich 2013 aus klimatischen Gründen südlich des Alpenbogens in Meran angesiedelt; hat dort Filme gemacht und den Videoblog Südtirol erzählt initiiert; arbeitet seit 2014 an dem Film “Das Wunder von Mals“.

Titelfoto: Alexander Schiebel (c) Hanae Yamashita. Artikelfotos: Tartsch, Tartscher Bühel, Malser Haide (c) franzmagazine/Katja Telser

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