People + Views > Portraits

January 20, 2016

Eine Spur, ein Bild, Erinnerung, Bewegung:
Künstlerin Maria Walcher im Interview

Robin Wehe

Maria Walcher ist Künstlerin, und das ganz anders als gewohnt: Nicht auf Papier oder Leinwand malt sie, sondern sie interagiert meist mit Orten, Situationen und Menschen. Sie arbeitet mit Kunstinstallationen und Performance-Art. Das ist Kunst, die ungewöhnlich und unkonventionell ist. Dabei bleibt sie immer in Bewegung, denn das ist Teil ihrer Arbeit. Ein Interview über Kunst, was Maria  Walcher damit erreichen will und warum sozialpolitische Themen für sie auch hier eine Rolle spielen. 

Als Warm-Up: Wer bist du? Was machst du? Erzähl uns ein, zwei Sätze aus deinem Leben.

Ich bin Maria Walcher. Nachdem ich ein langes Weilchen in Wien gelebt und an der Universität für angewandte Kunst studiert habe, war ich mit diesem und jenem Projekt “on the road”. Für meinen MFA (Master of Fine Arts) in “Public Art and New Artistic Strategies” habe ich zwei Jahre in Weimar verbracht. Derzeit lebe ich in Innsbruck, wo ich im Atelier im “Künstlerhaus Büchsenhausen” an meinen Projekten arbeite. Zwischenzeitlich war ich immer wieder in verschiedenen Ländern unterwegs, denn Bewegung ist für mich wichtig und ein Teil meiner Arbeit.Maria WalcherDu bist durchaus eine unkonventionelle Künstlerin: Kunstinstallationen unterscheiden sich von anderen Kunstformen sehr aufgrund des Publikums, der Art des Arbeitens und der Ausstellung. Wie entscheidet man sich dafür, diese Art von Kunst zu schaffen?

Ich würde nicht direkt sagen, dass ich mich dafür entschieden habe, das hat sich vielmehr aus meiner Arbeitsweise und meinem Verständnis von Kunst heraus entwickelt. Dazu kommt sicherlich auch meine künstlerische Ausbildung, die nicht auf ein spezielles Medium basiert war. Da gibt es meist ein Thema, einen Ort oder eine Situation, das/der/die mich interessiert und mit dem/der ich arbeiten möchte. Im Laufe der Recherche, der Auseinandersetzung kristallisiert sich das Medium heraus, das ich als künstlerischen Ausdruck passend finde. Wenn ich auf meine letzten Arbeiten zurückblicke, dann waren das häufig ortsspezifische Performances, Interventionen, Installationen oder Objekte mit performativem Charakter.

Wo wir bei unkonventioneller Kunst sind: Was bedeutet Kunst für dich?

Schwierige Frage. Kunst ist für mich ein Medium der Kommunikation, das es mir erlaubt, auf unkonventionelle Weise einen Dialog zwischen Betrachter oder Betrachterin und Kunstwerk aufzubauen, sensible Themen anzusprechen und Fragen in den Raum zu werfen. Dabei spielen das Visuelle, aber auch andere sinnliche Wahrnehmungen wichtige Rollen. Es ist eine experimentelle Herangehensweise und intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand. Künstlerische Arbeiten, die mich beeindrucken, berühren mich an einem bestimmten Punkt, sie bringen etwas in mir in Bewegung und hinterlassen eine Spur, ein Bild, das immer wieder in Erinnerung kommt.I PACK MY BAG, Maria Walcher 2012I Pack My Bag, Maria Walcher, 2012

Du arbeitest viel mit den Leuten zusammen, die sich an den verschiedenen Orten befinden. Du bist zum Beispiel mit dem Fahrrad und Nähzeug durch Europa getourt und hast dort gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern oder auch Leuten auf der Straße eine Art Nähworkshop mit “Kleidern mit Geschichte” gemacht. Haben deine Projekte auch immer einen sozialen und gesellschaftlichen Teil?

Ja, das stimmt. Sozialpolitische und gesellschaftliche Fragestellungen sind immer wieder Themen meiner Projekte. Häufig suche ich die Kollaboration mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen oder die Interaktion mit den BetrachterInnen und den PassantInnen im öffentlichen Raum. Das Schöne an der Kunst ist, dass jedes Projekt eine neue Herausforderung ist und mich mit Menschen in Kontakt bringt, die ich sonst vielleicht nicht treffen würde, beziehungsweise mir Einblick in Bereiche erlaubt, mit denen ich nicht alltäglich zu tun habe. Und so versuche ich auf spielerische und experimentelle Weise Menschen direkt oder indirekt in meine Projekte einzubinden und international sowie transdisziplinär zusammen zu arbeiten.Trasite:Welcome, Maria Walcher 2014_BerlinIn kulturelemente Nr. 125 gestaltet Maria Walcher mit “Trasite” die Galerie.

Ein anderes Projekt von dir ist die Installation “Trasite”, welche eine Replik der originalen Statuen aus Riace ist, die du bereits an verschiedenen Orten ausgestellt hast. Zuletzt im Jahr 2015 im Zuge des 2. Berliner Herbstsalons in der Spree. Was willst du mit dieser Installation aussagen? Warum gerade diese zwei Statuen?

“Trasite” bedeutet so viel wie “Willkommen, mein Haus ist offen für dich” im kalabrischen Dialekt. Ich bin darauf gestoßen, als ich mehr über das Dorf Riace wissen wollte, auf das ich 2008 über einen Zeitungsartikel aufmerksam wurde, wo es als das Utopia Europas beschrieben wurde. Riace ist zum einen für die Bronzen von Riace bekannt, zwei griechische Statuen, die 1972 im Meer vor der Küste gefunden wurden. Es ist weder bekannt, aus welchen Gründen sie dort im Wasser gelandet sind, noch deren Abfahrtshafen, Bestimmungsort, deren Identität oder welcher Künstler sie geschaffen hat. Zum anderen ist die Stadt bekannt für das Projekt “Riace Città Futura“, das 1998 startete, als ein Boot mit 200 kurdischen Flüchtlingen an der Küste strandete und das Dorf entschieden hat, die leerstehenden Häuser den Neuankömmlingen zur Verfügung zu stellen und so auch das aussterbende Dorf wieder zu beleben.
Diese zwei Symbole in Verbindung mit der derzeitigen (bereits länger andauernden) Situation im Mittelmeer, wo täglich Menschen auf dem Weg nach Europa ihr Leben verlieren, haben mich zu dieser Installation veranlasst. In Anspielung auf die Klassik möchte ich mit meiner Arbeit die Fragen in den Raum stellen: “Wer ist willkommen und wer nicht?” und “Wie gehen wir heute mit kultureller Übersetzung um?” – “Es liegt in der deutschen Natur, alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder Eigentümlichkeiten zu bequemen”, hat Goethe einst gesagt und viel ‘kulturelles Gut’ von seinen Reisen importiert. Doch wie gehen wir heute mit dieser Idee um, neben der Situation von Menschen, die zum Beispiel in Hamburg, Berlin oder anderen europäischen Städten, sowie auch bei uns für ihr Bleiberecht demonstrieren? Ist es nur die Kultur und Kunst der ‘anderen’, die für uns bereichernd und daher willkommen ist? Ist das ‘andere’ nur aus der Distanz interessant, auf Reisen erlebbar und im Museum zu betrachten? Die Bronzen von Riace, die aus dem Mittelmeer geborgen wurden, wären wohl in jedem europäischen Land willkommen, während die Menschen, die hier ankommen, von Land zu Land weitergereicht werden. SalzWasserMehl Maria Walcher 2013 © Manfred PörnbacherSalzWasserMehl, Maria Walcher, 2013 © Manfred Pörnbacher

Arbeitest du derzeit an deinem nächsten Projekt? Wenn ja, dürfen wir erfahren was das ist? 

Ja, da gibt es etwas, an dem ich gerade tüftle. Ich setze mich momentan mit dem Thema “Vergessen” auseinander, sei es aus kultur-theoretischer Sicht, als auch aus sozial-gesellschaftlicher und werde heuer eine Arbeit dazu entwickeln. Wieder einmal ein Experiment, ein künstlerisches Forschungsprojekt, aber viel mehr möchte ich darüber noch nicht verraten.

Maria Walcher1984 geboren, in Brixen aufgewachsen, studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien “Bildnerische Erziehung, Textiles Gestalten und Technisches Werken”. Nach einem Auslandsaufenthalt in Lissabon schloss sie erfolgreich ihr Studium ab und studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar im internationalen Master “Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien”. In ihrer Master-Arbeit setzte sie sich mit dem Thema der kulturellen Übersetzung auseinander und spannte sowohl in der theoretischen als auch in der künstlerischen Arbeit einen Bogen zwischen der Weimarer Klassik und der derzeitigen prekären Situation von Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen. Zu ihren Arbeiten zählen unter anderem Interventionen, Installationen, Performances und partizipative Projekte, die vielfach im öffentlichen Raum realisiert werden, wie beispielsweise Trasite, Staklena Banka Collection, 2014, I Pack My Bag oder Vorhang auf. Mit ihren Projekten war und ist sie in Südtirol und auch in Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Bosnien-Herzegowina, Türkei, Mexiko und USA präsent. Derzeit arbeitet Maria Walcher als freischaffende Künstlerin in Österreich und Italien.

Foto ganz oben: Trasite:Welcome, Maria Walcher, 2014, Weimar, Foto Iva Kirova

Print

Like + Share

Comments

Current day month ye@r *

Discussion+

There are no comments for this article.