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October 28, 2014

Oltre la facciata – Hinter der Fassade. Backstage #06 [Sich vom Leben berauschen lassen anstatt vom Alkohol]

Text Sarah Trevisiol
Photography Matteo Vegetti

Alkoholkonsum scheint in Südtirol ein stets gegenwärtiges Thema zu sein. Was jedoch hinter effektivem Missbrauch steckt und wie man jemandem aus dem Suchtproblem raushelfen kann, erfahren wir im Gespräch mit Christian Folie, dem Leiter der Psychosozialen Beratung der Caritas im Vinschgau. 

Man spricht in den letzten Jahren in Südtirol ständig von Alkoholsucht und dessen Folgen. Was ist aber eigentlich ein Suchtproblem? 

Christian Folie: Einfach ausgedrückt bedeutet Sucht, dass man von einer Substanz abhängig ist, z. B. von Alkohol oder von Medikamenten. Da körperliches Wohlbefinden an den Konsum der jeweiligen Substanz gekoppelt ist, von der man abhängig ist, kommt es zu einer regelmäßigen oder sich sogar steigernden Einnahme. Wille allein reicht nicht aus, um von der Abhängigkeit loszukommen, denn der Entzug ruft unangenehme Zustände hervor. Heute wird das Suchtproblem glücklicherweise mit einem integrierten Ansatz behandelt, bei dem sowohl medizinische als auch psychologische Aspekte berücksichtigt werden. Es besteht Einvernehmen darüber, dass es sich bei Sucht um eine Krankheit handelt, bei der es kein Ende gibt, nur ein Aussteigen durch Verzicht auf die Substanz.

Ab wann spricht man von Abhängigkeit?

Es ist schwierig, die Grenze zwischen häufigem Konsum und Missbrauch von Substanzen klar zu ziehen. So fühlt man bei Alkoholkonsum beispielsweise starkes Wohlbefinden während des Konsums und verliert gerne mal die Kontrolle über die Menge, die man zu sich nimmt. Und irgendwann hat man dann immer eine Flasche griffbereit, für schwierige Momente. Alkoholmissbrauch führt auch zu starken Persönlichkeitsveränderungen, aber es gibt diesbezüglich keine allgemein gültigen Richtlinien. Vielmehr sollte man sich fragen, weshalb Alkohol konsumiert wird und ob es schwerwiegende unausgesprochene Probleme gibt, welche die abhängige Person belasten.  

Wie steht es mit dem Alkoholkonsum  in Südtirol?

Wir EuropäerInnen leben im Prinzip in einer drogenfreundlichen Gesellschaft, in der vor allem Alkohol bereits in jungen Jahren konsumiert wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder, der mal ein Gläschen zu viel getrunken hat, sofort ein Konsumproblem hat. Auch in Südtirol gibt es, gleich wie in vielen anderen Kulturen, oft Gruppenzwang: Einzelne, insbesondere Männer, werden dazu verführt, sich vor der Gruppe durch Alkoholkonsum zu beweisen. Es gibt auch falsche Gesellschaftskonventionen, die z. B. besagen, dass Alkohol kontaktfreudiger macht, den Körper aufwärmt oder den Durst stillt. Derartige Rahmenbedingungen sind natürlich ideale Voraussetzungen für Alkoholmissbrauch, dennoch führen sie nicht automatisch dazu, dass alle gleich in der Gosse landen. Mit abwertenden Sprüchen ist daher auch in diesem Zusammenhang vorsichtig umzugehen und niemanden grundlos und endgültig zu verurteilen. 

Wie geht man heute mit Suchtproblemen um? 

Früher mussten SüdtirolerInnen mit Suchtproblemen, egal ob im Zusammenhang mit Alkohol, Spielsucht oder Essstörungen ins Ausland gehen, um dort professionelle Hilfe zu erhalten. Heutzutage wird auch hierzulande stationäre und ambulante Hilfe angeboten, es gibt Selbsthilfegruppen, professionelle Hilfsnetzwerke und psychologische Beratungen. Am wichtigsten ist es dabei, die Betroffenen nicht alleine zu lassen. Oft machen die Angehörigen den ersten Schritt, kommen in unsere Zentren und bitten um Beratung. Die Betroffenen selbst leugnen oder verheimlichen ihr Problem oft. Dennoch ist es wichtig, dass sie selbst von ihrer Abhängigkeit wegkommen wollen. Dabei ist es entscheidend, niemanden zu beschuldigen oder abzustempeln, sondern den Betroffenen beizustehen, sodass sie sich wieder für das Leben begeistern können, soziale Kontakte knüpfen und sich als aktiven Teil der Gesellschaft wahrnehmen.

Wie steht es mit dem Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen?

Generell würde ich bei einer Person unter 25 Jahren nur sehr vorsichtig von Alkoholsucht sprechen. Natürlich kann es Exzesse geben, aber die Jugend muss ihre eigenen Grenzen und Wege erst finden und provoziert auch gerne Erwachsene. Heutzutage gibt es sicherlich eine beschleunigte Veränderung der Gesellschaft, die ständig neue Forderungen an die Jugend stellt. Außerdem haben Jugendliche oft mehr Taschengeld als früher und dennoch ist die Alkoholsuchtgefährdung im Vergleich zu früher nicht sehr viel höher. Es besteht einfach ein höheres Bewusstsein rund um das Thema und darum gibt es auch einen erhöhten medialen Rummel.  

Psychosoziale Beratung der Caritas
Im Mittelpunkt der Tätigkeit steht bis heute die Beratung, welche Alkoholabhängigkeit betrifft, neben anderen substanzgebundenen Abhängigkeiten sowie dem Bereich der Essstörungen. 
In der Suchtprävention arbeiten die BeraterInnen seit 30 Jahren schon mit Schulen, Vereinen und Arbeitgebern zusammen, um die Betroffenen wieder zu einem zufriedenen Leben zu führen – im Einklang mit ihren Familien und der Arbeit. 

Hauptsitz: Hauptstraße 131 in Schlanders 
Sozialsprengel Mals und Naturns
Terminvereinbarung unter Tel. 0473 621 237 oder psb@caritas.bz.it 

Mehr über das Projekt “Hinter der Fassade – Oltre la facciata” gibt es  hier.

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