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October 23, 2014

“Kurator Unser” – ein Stoßgebet von Thomas Sterna

Franz

Ende Januar 2014 hat es sich zugetragen, dass ein Künstler namens Thomas Sterna unter Ausschluss der Öffentlichkeit und Institutionen die Fassade des Museion in medialen Beschlag nahm. “Kurator Unser” heißt dieses Projekt. Im Interview mit der Künstlerin und Kuratorin Christine Biehler spricht Thomas Sterna über Intention und Erwartungen.

Christine Biehler: Wie kam es zur Projektion auf das Museion? Wurdest du dafür eingeladen?

Thomas Sterna: Nein, ich wurde dazu nicht eingeladen, sondern habe die Projektion eigenmächtig durchgeführt, ohne Rücksprache mit den Vertretern der Institution.

Wie bist du vorgegangen? Und warum hast du nicht einfach bei der Leitung des Museion um Erlaubnis gefragt?

Nun, der Aufwand war nicht unerheblich. Um eine Schrift in dieser Größe unabhängig von der öffentlichen Stromversorgung im Außenraum projizieren zu können, braucht man einerseits einen leuchtstarken Projektor und andererseits einen zum Projektor passenden leistungsstarken Stromgenerator. Beide Geräte habe ich an einem Montagabend Ende Januar dieses Jahres 2014 zu den Brücken hinter dem Museion getragen, dort aufgebaut und dann den Text auf die Fassade projiziert. Es macht keinen Sinn eine Institution bzw. deren Vertreter zu kritisieren und dafür bei eben dieser Institution oder deren Vertretern vorher um Erlaubnis zu fragen, denke ich.

Wogegen richtet sich deine Aktion, die sich, wenn ich dich richtig verstanden habe, als bewusste Setzung aus dem “Off” versteht? Wer oder was ist für Dich im “On”? Anders ausgedrückt: Was ist die Zielfläche des Pfeiles, den du mit dieser Aktion abschießt?

Wenn ich von den Erfahrungen ausgehe, die meinem “Gebet” zugrunde liegen, dann ist “drinnen” im Museion der so genannte Kunstbetrieb zuhause und draußen sind alle Künstler, die zum Betrieb noch nicht, nicht mehr oder noch nie dazu gehörten. Die viel gepriesene und oft geforderte Autonomie des Künstlers kann ja nur bestehen, wenn er sich in seinem Handeln unabhängig macht vom Plazet der institutionellen Vertreter. Das hat mir z. B. an bestimmten Kunstwerken im öffentlichen Raum bzw. auch an der Street Art immer gefallen, dass die Künstler sich einfach die Freiheit nahmen, Orte mit ihren Arbeiten zu besetzen. Die Museen gleichen, in diesem Kontext betrachtet, eher riesigen Sockeln, wie sie sich z. B. absolutistische Herrscher im 18. Jahrhundert schufen, um ihren Machtanspruch zur Geltung zu bringen. Meine These ist, dass keine der in den Museen für zeitgenössische Kunst gezeigten Arbeiten, trotz gegenteiliger Behauptung, allein dem “interesselosen Wohlgefallen” dienen kann, sondern immer eine bestimmte gesellschaftspolitische Funktion erfüllt. Mein “Kurator Unser” richtet sich darüber hinaus auch z. B. gegen die Monopolstellung bestimmter Direktoren oder Kuratoren innerhalb des Betriebs. Es ist offenkundig, dass die Stars der Szene nicht nur ihrer eigenen Institution vorstehen, sondern in einer Vielzahl von Ausschüssen, Gremien und Jurys auftauchen und dadurch einen erheblichen Einfluss darauf nehmen, welche Art von Kunst sich etablieren kann und welche nicht. Man fühlt sich als Künstler da oft, wie beim Hase-Igel-Spiel: Du rennst von einer Tür zur nächsten und überall öffnet nach dem Klingeln die gleiche Person.Thomas Sterna – Kurator Unser @ Museion - DetailIn dem verwandelten “Vater Unser” werden neben den Kuratoren noch verschiedene andere, im Kunstbetrieb aktive Gruppen angesprochen. Welche Gruppen teilen sich denn deiner Meinung nach dort die Macht?

Es gibt, denke ich, im wesentlichen 4 Gruppen: Da sind zum einen, natürlich mit Einschränkung, immer auch noch die Künstler selbst zu nennen, dann die eben schon genannten, fest angestellten Museumsleute, Direktoren und Kuratoren sowie deren freie Konkurrenten, und schließlich sind noch die Galeristen und die Sammler zu nennen. Das allgemeine Publikum spielt innerhalb dieser Spezialistenkultur, zumindest in Hinblick auf die Definition der Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst, denke ich, kaum eine Rolle.

Formal betrachtet handelt es sich bei “Kurator Unser” um eine Textprojektion aus Licht. Hast du da Vorbilder, z. B. aus der Konzeptkunst? Was hat dich dazu bewogen den Text in dieser Weise zu präsentieren?

Mir ist klar, dass meine formale Entscheidung den Text als Lichtprojektion auf der Fassade des Museion zu zeigen nicht neu ist und natürlich z. B. von Jenny Holzer und anderen mit Sprache arbeitenden KünstlerInnen bereits erprobt wurde. Meine formale Überlegung war folgende: Zunächst gab es nur dieses ironische Gebet selbst. Danach stand für mich die Frage im Raum: Wo gehört dieser Text hin? Meine Antwort lautete: Innerhalb des Kontextes, in dem ich mich zur Zeit hauptsächlich bewege, und im Südtiroler Kunstbetrieb ist nun einmal das Museion der Ort, an den die Fragen, die der Text aufwirft, zu richten sind. Und zwar, wie schon gesagt, von Außen, denn das ist, bezogen auf das Museion, mein aktueller Standort.

Was würdest du Dir als Reaktion auf die Veröffentlichung des Fotos erhoffen?

Ich würde mir wünschen, dass das “Kurator Unser” eine Diskussion über die Strukturen des Betriebs anstößt und zum Beispiel, um nur einen Aspekt unter vielen möglichen zu nennen, die Sensibilität eingeladener Kuratoren erhöht, für das, was sich künstlerisch vor Ort abspielt. Denn die Tendenz ist ja deutlich erkennbar, dass es z. B. im Museion in dieser Hinsicht, salopp ausgedrückt, viel Import und wenig Export gibt. Die kuratorische Praxis eingeladener Ausstellungsmacher wirkt, so gesehen, auf mich manchmal geradezu kolonialistisch und steht damit oft im Widerspruch zum aufklärerischen Pathos ihrer mündlichen und schriftlichen Erläuterungen. Aber das ist nur ein Aspekt unter vielen.

Kurator Unser (c) Thomas Sterna, 2014

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