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October 21, 2014

Oltre la facciata – Hinter der Fassade. Backstage #05 [Abhängig vom Alkohol]

Text Sarah Trevisiol
Photography Matteo Vegetti

Das ist die Geschichte eines starken Mannes, der heute wieder zu sich gefunden hat und offen seine Erfahrungen teilen will, um andere davon abzuhalten, die selben Fehler zu machen. 

Vielleicht habe ich nach meinem Unfall mit dem Trinken begonnen, ich bin mir da allerdings nicht ganz sicher. Meine Arbeit als Koch musste ich damals aufgeben und zum Überleben Jobs annehmen, in denen ich mich nicht verwirklichen konnte. Vielleicht war meine persönliche Unzufriedenheit der Grund, weshalb ich zur Flasche griff. Vielleicht war es aber auch die Angewohnheit, sich in der Dorfbar mit Freunden zum Trinken zu treffen und die Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, was genau mich dazu bewegte, zu trinken; sicher ist nur, mein Alkoholkonsum steigerte sich kontinuierlich. 

Zu Hause versteckte ich Flaschen, ich zog mehrmals pro Tag durch die Bars, um zu verhindern, dass jemand verstand, wie viel ich bereits getrunken hatte. Oft war ich schlecht gelaunt und  wurde gegenüber Freunden und Unbekannten aggressiv. Zwar habe ich niemals Hand gegen jemanden erhoben, doch ich wurde schnell nervös und respektierte niemanden mehr. Mit dem Trinken habe ich begonnen, um zu verdrängen, was mich belastete, doch das hat nichts gebracht: Mit der Zeit holen dich deine Gedanken und Probleme ein und übermannen dich – vervielfältigen sich sogar. 

Meine Kinder schämten sich für mich, wenn ich früh morgens umhertorkelte oder wenn ich mich auf irgendwelchen Festen völlig daneben benahm. Es war mir mittlerweile eine Angewohnheit geworden, betrunken zur Arbeit zu gehen. Einige versuchten, mich zum Aufhören zu überreden, doch ich hörte auf niemanden. Erst als ich bemerkte, dass die Kinder der Volksschule, in der ich als Schulwart arbeitete, mich mieden und Angst vor mir hatten, verstand ich, dass ich etwas unternehmen musste.

Mit dem Trinken aufzuhören ist nur möglich, wenn man selbst davon überzeugt ist. Lässt man sich von anderen zum Entzug überreden, verfällt man der Versuchung innerhalb kürzester Zeit wieder. Es hat lange gedauert, bis ich das selbst verstanden habe, doch  letztendlich habe ich es geschafft, habe mir helfen lassen und bin nun seit fünf Jahren trocken. Durch die Hilfe von Experten von spezialisierten Zentren, durch Gruppentherapien und vor allem durch die Unterstützung meiner Familie blieben mir meine Arbeit, meine Liebsten und die Achtung vor mir selbst glücklicherweise erhalten.

Heute kann ich wieder die Schönheit des Herbstes erkennen, mich an der frischen Bergluft erfreuen und einen Spaziergang mit meinen Kindern auskosten. Ich kann mich im Spiegel betrachten und sehe eine Person, die noch Einiges zu geben hat. Es ist nicht unmöglich, das Leben zu genießen, doch man muss den Mut finden, sich der eigenen Probleme bewusst zu werden und andere um Hilfe zu bitten.  

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