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August 12, 2014

Maroc, mon amour #05: Marrakesch – Schaut auf diese Stadt!

Petra Götsch
Casablanca, Marrakesch, Rabat, Fés, schon allein die Namen klingen schön, so wie alles schön ist, das man noch nie gesehen hat. Zwei Wochen lang reiste ich im Uhrzeigersinn durch Marokko und erlebte ein Land zwischen Okzident und Orient.

Spricht man mit einem Marokkaner über Marrakesch, redet er über die Stadt wie über einen lieben Verwandten. Auf Karawanen erzählte man sich wochenlang Geschichten über “die Perle”, heute gilt sie als Lieblingsstadt des Königs und neues Trend-Ziel für junge Europäer. Nach meiner Ankunft verliere ich deshalb keine Zeit und mache mich direkt auf den Weg in die Altstadt. Kaum betrete ich die Medina durch eines der vielen Tore, werde ich von den Menschenmassen aufgesogen.   

Noch nie habe ich eine solche Geschäftigkeit erlebt! Frauen hasten durch die Gassen, Männer balancieren Teetabletts oder schleppen Lasten, Motorroller knattern ununterbrochen an einem vorbei. Ständig wird man von jemandem begleitet, der einem die Schuhe putzen, den Weg weisen oder zumindest das Teppichgeschäft seines Bruders zeigen will. Es ist faszinierend und erschöpfend zugleich. Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - MedersaKoranschule Medersa Ben Youssef

Ruhe findet man am einfachsten in einem der vielen Teehäuser – oder in den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ich trete durch das unscheinbare Tor der Koranschule Medersa Ben Youssef und auf einen Schlag wird es ruhig und kühl. 500 Schüler studierten hier einst den Koran. Im 16. Jahrhundert ließ Sultan Abdallah El Ghalib, in Politik und Leben eher weltlich ausgerichtet, die bestehende Schule aufwendig zur bekanntesten Medersa der islamischen Welt ausbauen, um sich so die Gunst der religiösen Kreise zu sichern. Andächtig besichtige ich den prachtvollen Innenhof, die Studierzimmer und Gebetshallen und bestaune die filigransten Verzierungen und Ornamente, die man sich vorstellen kann. Jeder Zentimeter ist eine Augenweide. Die tiefe Sonne taucht die Räume in ein gedämpftes, unwirkliches Licht. Nach einer Stunde verlasse ich die Medersa – verzaubert – und würde morgen schon wieder nach Marrakesch fliegen, um sie wiederzusehen. Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - Djemaa el-FnaDjemaa el-Fna

Unumstrittener Mittelpunkt, sozusagen das Herz der Stadt, ist der Platz Djemaa el-Fna. Hier tobt das Leben und wenn es dunkel wird, ist der Djemaa el-Fna seit Jahrhunderten wohl der aufregendste Ort der Welt: Von irgendwoher höre ich die Schalmeien und Trommeln der Schlangenbeschwörer, Feuerspucker lecken die Flammen, die Zuseher johlen bei den Zaubertricks der Magier. Dutzende Menschen haben sich um eine alte Berberfrau mit Tätowierungen im Gesicht geschart. Andächtig lauschen sie ihren Geschichten und auch ich bleibe stehen. Sie flüstert geheimnisvoll, plötzlich reißt sie ihre Augen weit auf und zeigt auf einen Mann in der Menge. Alle lachen. Ich verstehe kein Wort und doch ist es, als würde man plötzlich einzelne Worte fühlen. Irgendetwas berührt Djemaa el-Fna. Es ist ein Ort, der aus der Zeit vor der Zeit stammt. Eine Zeit ohne Maschinen und Zeitungspapier, eine Zeit ohne die Tyrannei von Uhren, eine Zeit ohne pausenlose technische Reize von Außen.Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - DjemaaDjemaa el-Fna

Ich spaziere an den Essensständen vorbei: Suppen brodeln, dampfender Couscous wird serviert, frischer Pfefferminztee schäumt in den Gläsern. Ein junger Mann reicht mir aufmunternd Datteln und Nüsse. Ich lächle, während er in dieser unnachahmlichen Geste seine rechte Hand auf sein Herz legt und sich leicht verbeugt. Ich bin glücklich und will nie wieder weg. Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - SoukSouk

Es wird spät und ein kühler Abendwind fegt die Straßen leer. Die letzten Bettelweiber sind auf dem Heimweg durch die Souks und ich entschließe mich zu Fuß ins Hotel zu gehen. Ich spaziere über die breiten Boulevards der “Nouvelle ville”, links und rechts stehen verglaste Hochhäuser, die schicken Geschäfte und Restaurants könnten genauso in Wien oder Madrid stehen. Gutaussehende Männer rauchen vor den Clubs, junge Frauen in Businesskleidung eilen aufrecht an mir vorbei. Sie lachen und der Stolz blickt ihnen aus den Augen. Ich kann nicht glauben, dass ich immer noch in der gleichen Stadt bin. Zeit scheint ein flexibles Konzept zu sein in Marrakesch. In der Medina ist sie stehen geblieben, während die Viertel außerhalb der Stadtmauern direkt in die Zukunft katapultiert wurden. Daraus ergibt sich vermutlich auch der Reiz der Stadt, macht sie zur Boom-Town, mit so viel Vergangenheit und noch mehr Zukunft.Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - Essaouira 2Essaouira

Zwei Tage bleiben mir noch in Marokko und ich entschließe mich über einen Umweg Essaouira zu besuchen. Nach Marrakesch wirkt Essaouira mit seinen weißen Häusern und geraden Gassen geradezu gemächlich und überschaubar. Nachdem Jimmy Hendrix oder die Rolling Stones die Stadt für sich entdeckten, sind Künstler, Aussteiger und Spätaufsteher bis heute wie ein Kompass auf diesen Ort ausgerichtet. Viele von ihnen blieben hier hängen – wer kann’s ihnen verdenken?Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - EssaouiraEssaouira

Ich setze mich auf die mächtigen Festungsmauern und genieße den Blick. Vor mir erstreckt sich der unendliche Atlantik, darüber spannt sich ein gleißend roter Abendhimmel. Die letzten Fischerboote nehmen Kurs auf den Hafen, Möwen folgen ihnen mit Gekreisch. Eine leichte Brise streift mich, es ist unbeschreiblich schön und wohl der perfekte Ort, um diese Reise zu beenden. Marokko Marrakesch - Petra Goetsch - GibraltarGibraltar

Ich fliege schon lange über Spanien und doch sind meine Gedanken noch immer in Marokko. Ich verliere mich wieder in den schummrigen Gassen von Fés, höre die Trommeln von Djemaa el-Fna verklingen. Und als über München der Flieger durch die Wolken fällt, erinnere ich mich wieder an Samiras Lieblingszitat aus dem Koran: “Ich habe euch zu Völkern gemacht, damit ihr einander kennenlernt.”

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