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April 24, 2014

Fred Luks, wie ehrlich ist unternehmerische Nachhaltigkeit?

Greta Sparer
Unternehmen tun nichts Gutes, und wenn, dann aus den falschen Gründen? – Die Frage geht an Fred Luks, den Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. – Eines vorweggenommen: Nachhaltigkeitsmanager managen jedenfalls nicht die Nachhaltigkeit. Ein ausführliches Interview mit dem Volkswirtschafter und Buchautor.

“Ich bin Greta.” – “Und was studierst du, Greta?” – “Wirtschaft.” – So läuft das immer, so definiert man sich in Studierendenkreisen. Wenn ich Wirtschaft sage, vermuten manche Volkswirtschaft, ich bedanke mich für das Kompliment und sage, nein, ich gehöre zu den Bösen – Betriebswirtschaft. So ähnlich war das auch schon, als ich nach meiner Matura beschlossen hatte, BWL zu studieren. Damals kamen die Kommentare noch eher von oben herab: “Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich da einlässt.” “Das studieren alle, die nicht wissen, was sie machen sollen.” Nach fast fünf Jahren kann ich bestätigen, dass das auf viele meiner Kommilitonen und Innen (nach eigenen Angaben) zutrifft, auch auf mich teilweise, aber das gilt nun einmal nicht nur für unsere Studienrichtung sondern für so ziemlich oder wirklich alle. 

Aber es ist ja nicht nur so, dass wir BWL-Studierenden scheinbar nichts Besseres mit uns anzufangen wissen, für uns zählt ja auch nur eines: in einem skrupellosen Unternehmen ganz groß rauszukommen, Hauptsache, das Geld stimmt. Tja, nein. Diese Leute gibt es sicherlich auch, aber da gibt es manche, so wie mich und meine oikos-Freunde, die etwas ändern möchten. Und dasselbe gilt für gewisse Unternehmen. Wenn ich dann meinen nicht-BWLer-Freunden sage, dass immer mehr Unternehmen bewusst wird, dass sie für ihre soziale und ökologische Umwelt Verantwortung übernehmen müssen, dann kriege ich darauf gerne ‘mal ein: “Die machen das doch nur aus PR-Zwecken.” Hm… Also, Unternehmen tun nichts Gutes und wenn, dann aus den falschen Gründen? Mit dieser Frage bin ich an den Fachmann für nachhaltige Wirtschaft an meiner Uni, der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), herangetreten: 

Fred Luks (* am Ende des Interviews mehr über ihn) ist Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der WU Wien, eine Stelle, die es seit Mai 2013 gibt – zur “Profilbildung” zu diesem Thema, wie er mir erklärt. Fred ist ein lockerer Typ, immer auf Achse, mit allen per “du” und er könnte wohl sehr lange und in einem Tempo, das mich schon beim Zuhören außer Atem bringt, über unternehmerische Nachhaltigkeit reden. Er habe seinen Traumjob gefunden, sagt er. Er hat schon früher als Nachhaltigkeitsmanager gearbeitet; das sei nicht dasselbe, wie ein Kompetenzzentrum zum Thema zu führen, erklärt er mir, aber wie dem auch sei, wer glaube, dass Nachhaltigkeitsmanager die Nachhaltigkeit managen, glaube auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Bei diesem wie jenem Job gehe es darum, im Kern eines Betriebs, in diesem Fall eben einer Uni, die Nachhaltigkeit zu verankern. Entscheidend sei nicht die reine Außenwirkung, also PR, sondern jene Bereiche, in denen das Unternehmen üblicherweise agiert, in dem es sich auskennt. Bei der Uni bedeute das, das Thema Nachhaltigkeit in die Lehre zu integrieren und die Laureandi mit Wissen und Bewusstsein dafür auszustatten.  

Und Fred, frage ich, was ist mit dem Kapitalismus, der uns alle zu profitstrebenden Zombies macht (Analogie geklaut aus Christian Felbers Buch Gemeinwohl-Ökonomie)? Fred erzählt mir: Den Kapitalismus könne man nicht “abschaffen”, schließlich habe er sich in den letzten 250 Jahren als sehr resilient erwiesen. Aber die Spielregeln müssten sich ändern. Ein auf Wachstum basierendes Wirtschaftssystem wie das unsere, könne in einer begrenzten Umwelt auf Dauer nicht funktionieren. Man müsse den Kapitalismus so verändern, dass materielle Wachstumsprozesse nicht mehr notwendig sind. Aber wie das gehen soll, wisse niemand und das lasse sich ohnehin nicht planen, es müsse sich entwickeln. Der österreichische Ökonom Hayek, der auch ein paar schlaue Dinge gesagt haben soll, meinte einmal: Menschliche Gesellschaften sind nicht das Ergebnis menschlichen Planens, sondern menschlichen Handelns. 

Hmm, ja, das klingt einleuchtend, aber was tun? Es müssten mehr als rein ökonomische Faktoren berücksichtigt werden, meint Fred, ökologische und soziale etwa, aber wie diese definiert, gemessen und integriert werden, das könne man nicht einfach festlegen, dazu brauche man die Diskussion, die ja gerade anlaufe, Beispiel Gemeinwohl-Ökonomie. Aber so eine Theorie könne nur ein Ansatz von vielen sein. Und wer treibt die Diskussion an? Nicht die Politik. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen – Umweltverbände, Gewerkschaften, Initiativen wie die Gemeinwohl-Ökonomie – und die Unternehmen selbst.

Was ist mit der Behauptung, dass Konsum nie nachhaltig sein kann? – Fred versteht mich nicht. Will ich den Leuten das Konsumieren verbieten? Wer bestimmt denn, was jemand braucht und was zu viel ist? Fest stehe, dass sich die Art, wie in den Industrienationen gelebt und gewirtschaftet wird, nicht weltweit übertragen lässt. Fred hat selbst kein Auto, isst kein Fleisch, aus Überzeugung, aber für den Rest der Welt sei das vollkommen Wurst, sagt er. Zu glauben, dass in einer wachstumsbasierten Wirtschaft die Konsumentenschaft durch ihr Verhalten etwas verändern können, sei unplausibel. “Aber für mich ist das nicht Wurst”, sagt Fred, wozu sollte er ein Auto haben, wenn er keines braucht? Und das mit dem Fleisch essen – wenn alle weltweit so viel Fleisch essen würden wie der Durchschnittsösterreicher, das ginge schlichtweg nicht, und das versucht er auch seinem Umfeld zu kommunizieren. Aber der Mensch müsse nun ‘mal mehr als nur essen, Vergnügen gehöre auch dazu, meint Fred. Und in einer demokratischen Gesellschaft gebe es keine Instanz, die den Menschen vorschreiben kann, was sie konsumieren sollen. Aber es gebe sehr wohl gewisse Verantwortungen, zum Beispiel von Universitäten, Wissen bereitzustellen darüber, wie der Zustand der Welt ist. Die Wissenschaft sei daher ein wichtiger Akteur: An der WU forscht etwa das Institut für Regional- und Umweltwirtschaft in diesem Bereich. Und Unternehmen spielten auch eine wichtige Rolle. Ob Unternehmen von sich aus etwas verändern könnten, frage ich. “Das tun sie auch”, sagt Fred als wäre es das Offensichtlichste auf der Welt. Sonnentor, Elektroautohersteller etc. etc. Greenwashing (nur PR und wenig dahinter) gebe es natürlich auch. Nachhaltigkeit sei ja mittlerweile ein solches Allerweltswort geworden, dass jeder und jede sich irgendwie damit beschäftige. Bisweilen skurril findet Fred dieses Bemühen um die Nachhaltigkeit bei jenen Unternehmen, die einfach aufgrund ihres Unternehmenszwecks nicht nachhaltig sein können, etwa Hersteller von Autos mit Verbrennungsmotoren, weil es die in 50 Jahren einfach nicht mehr geben werde (Anmerkung: nachhaltig impliziert eine gewisse Langfristigkeit), aber trotzdem würden viele traditionelle Automobilhersteller ganz tolle Sachen in diesem Bereich machen. 

Mein Zweifel: Viele Unternehmen scheren sich nicht viel um unseren schönen Allerweltsbegriff Nachhaltigkeit. Die Frage sei oftmals, entgegnet Fred, was Unternehmen in einem auf Konkurrenz basierenden Wirtschaftssystem überhaupt tun können. Wenn ein Autohersteller auf öko umsatteln will, brauche er dafür einen Markt, ansonsten seien seine Bemühungen völlig umsonst. Und um den Heuchlern auf die Finger zu klopfen: Jeder und jede rede zum Beispiel immer von ökologischen Geldanlagen, aber die Zahlen zeigen, dass sie kaum jemand nachfragt. Weiters könne ein Manager oder eine Managerin nicht einfach auf eigene Faust über Maßnahmen entscheiden, sondern müsse vor den Eigentümern und Innen Rechenschaft ablegen. Beispiel Hypo-Skandal (in Österreich gerade in aller Munde): Die Regierung forderte im Jänner die großen österreichischen Banken auf, bei dem entstandenen 19-Milliarden-Euro-Schaden mitzuzahlen, weil sie in der Vergangenheit ja immerhin Geld vom Staat bekommen hätten (so habe ich es auf Ö1 gehört). Die Banken haben, oh Wunder, abgelehnt. Fred wundert das wenig, er fragt, wie denn ein Bankmanager das eigenständig hätte entscheiden und vor den Investoren und Innen verantworten können? “Das darf der gar nicht“, sagt er.

Zurück zur Ausgangsfrage: Unternehmen tun nichts Gutes und wenn, dann aus den falschen Gründen – stimmt’s, stimmt’s nicht?Gut formuliert, aber falsch, sagt Fred. Denn wer bestimmt, was falsche Gründe sind? Aber selbst wenn. Wenn der egoistischste Kapitalist es schafft, eine Energieform zu finden, die keine Treibhausgase emittiert, “dann sind mir doch die Gründe total egal, das Resultat bleibt das selbe”. Pauschalisieren lasse sich hier jedenfalls nicht. Es gebe jene Unternehmen, die sich bemühen, aber eben auch jene, bei denen Fred schon wegen ihres Unternehmenszwecks skeptisch wäre (etwa in der Rüstungsindustrie, Atomenergie u. a.) und solche, die ihren schlechten Ruf aufgedeckten Skandalen zu verdanken haben (etwa Amazon und H&M). Deswegen sei Wissen so wichtig: Ist es ethisch verantwortbar, über Amazon zu bestellen und bei H&M einzukaufen, wenn man weiß, unter welchen Umständen diese Waren produziert und zu uns transportiert wurden? Doch Wissen verändert kein Handeln, zitiert Fred den Soziologen und Wachstumskritiker Harald Welzer. Wissen sei wichtig, aber es brauche noch weitere Motivatoren. Egal, wie viel wir beide darüber schreiben, alle Bücher und Artikel, die die Menschen lesen, bleiben nur ein Faktor für soziales Handeln. Wenn Nachhaltigkeit real werden soll, muss sie auch attraktiv werden, sie muss mit dem Lebensstil vereinbar sein. 

Fred Luks hat in Hamburg und Honolulu Volkswirtschaftslehre studiert. Er beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit Nachhaltigkeit. Zu diesem Themenbereich hat er bereits zahlreiche Publikationen vorgelegt, darunter mehrere Bücher. Er war unter anderem Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie. Zu seinen beruflichen Stationen gehören die Leitung eines interdisziplinären Forschungsprojekts, eine Gastprofessur an der Universität Hamburg und die Tätigkeit als Nachhaltigkeitsmanager der Bank Austria. Zurzeit arbeitet er als Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Mitte 2014 erscheint bei Metropolis sein neues Buch Öko-Populismus.

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