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January 9, 2014

abroad & overseas – Pflück dir ein Gedicht: Wien’s Zetteldichter Helmut Seethaler

Sofia Weissenegger

Begegnet bin ich seinen Gedichten bereits vor einigen Jahren, als ich ganz frisch nach Wien gezogen bin: Lauter kurze Gedichte auf kleinen Zettelchen hingen an einer Säule am Westbahnhof und warteten geradezu darauf, von mir und anderen PassantInnen gepflückt zu werden. Sehr faszinierend fand ich das Ganze, hatte ich so etwas in dieser Form in Südtirol noch nie gesehen. 
Wer genau hinter diesen Pflückgedichten steckt, habe ich erst vor Kurzem erfahren und mich mit dem Urheber und Schriftsteller Helmut Seethaler über seine Gedichte, die er im öffentlichen Raum platziert, unterhalten. Getroffen habe ich ihn beim Bekleben einer Säule im U-Bahn-Areal U1 am bzw. unter dem Stephansplatz in Wien an einem frühen Nachmittag. Nach unserem Gespräch zog er weiter zum nächsten Schauplatz am Westbahnhof, vorher musste er aber noch einige Gedichte kopieren… 

Helmut Seethaler bezeichnet sich als Zetteldichter. Auf meine Fragen, wann und wie er zu dieser Berufung gekommen sei und was das eigentlich heiße, meinte er, das sei bereits in der Schule “passiert”. Die Gedichte entstanden damals vor der Schule, später vor der Uni und dort sind sie auch geblieben. Helmut Seethaler machte sich nämlich nicht nur Gedanken darüber, wo seine Texte landen würden, die er zu Papier bringt. Er stellte sich der Frage vielmehr im umgekehrten Sinn und fragte sich, wo die Texte entstehen: Hier zeigt sich der Kern der Seethaler-Literatur – die Gedichte bleiben am Ort ihrer Entstehung. Anfangs wollte er damit auch Frauen beeindrucken und hat seine Gedichte insbesondere an deren Tischen verteilt. Mit der Zeit bemerkte er jedoch, welche Wirkung die Texte darüber hinaus hatten und wie viele Gespräche sich daraus entwickelten. Seine ersten Gedichte vervielfältigte er dann mittels Wachsmatrizen und erkannte, dass er sich damit selber veröffentlichen könne und zudem vielmehr LeserInnen erreichte, als über einen Verlag und via Buchform. “Und ich blieb mir treu und hab’ das bis heute so gemacht,” meint der Autor. 

Die erste Veröffentlichung seiner Zettelgedichte fand 1973 am Schottentor in Wien statt – in unmittelbarer Nähe zur Universität Wien. Damals, so erzählt Helmut Seethaler, klebte er die Gedichte noch mit Tapetenleim an – heute mache er dies in dieser Form nicht mehr so. Während seiner Arbeit unterbrach ihn anno dazumal der Nachtwächter, der ihm dann das “Küberl” aus der Hand nahm. Die Polizei kam auch dazu und Helmut blickte angstvoll seiner ersten Anzeige entgegen. Weiter machte er trotzdem, bis er bemerkte, dass es sich eigentlich umgekehrt verhielt und “die anderen” Angst hatten vor jemandem, der auf Anzeigen mit Widerspruch und Berufung reagierte. – Und letztlich mit einem Freispruch Recht erhielt. helmut seethaler - zettelgedichtSeine Pflückgedichte sind kritisch – siehe dieses hier oberhalb abgebildete. Was sind denn nun die Aussagen seiner Texte? Was möchte er damit bewegen? – Eigentlich gehe es ihm bei seinem künstlerischen Tun darum, selbst in die Welt einzugreifen: “Dort, wo ich lebe, wurde ich geprägt und präge zurück,” so seine Worte. In kürzester Form schreibt er dort, wo er lebt und damit am Ort des Geschehens, über die guten aber auch schlechten Entwicklungen, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung, Autoverkehr, Konsum… “Und ich möchte damit eine Diskussion ins Rollen bringen.” Er verzichtet auf eine “Flucht” in Bücher, und möchte an dem Ort bleiben, wo Literatur lebendig erlebt wird. Durch das Ausstellen seiner Gedichte an öffentlichen Plätzen öffnet er sich und seine Gedichte einem breiten Publikum und macht diese erlebbar. Reaktionen jeder Art sind willkommen – damit sieht er sein Ziel erreicht.

Seine Kunst ist umstritten, auch weil er seine Gedichte an öffentlichen Bäumen, Säulen, Wänden anbringt und veröffentlicht. Diese neue Art der Veröffentlichung bringt neue Arten von Reaktionen hervor und erreicht damit vor allem auch Menschen, die nie Lesungen besuchen würden. Die Reaktionen sind durchaus unterschiedlich, auch in ihrer Intensität. Manchmal erhält Helmut Seethaler Komplimente und einen 100-Euro-Schein in die Hand gedrückt, oder eine Einladung ins Café oder etwa eine Umarmung; dann wiederum bleiben die Reaktionen aus oder aber er wird beschimpft und die Gedichte werden von den Säulen gerissen. “Du bist eh kein Trottel,” ist wohl eines der größten Komplimente, das der Schriftsteller schon einige Male erhalten hat, nachdem die zuvor aufgebrachten PassantInnen die Texte dann doch noch einem genaueren Blick unterzogen, meint er. Im Gefängnis war Seethaler nie, aber er handelte sich gar einige Anzeigen ein. Das Aufkleben der Gedichte im öffentlichen Raum wurde nämlich als Sachbeschädigung betrachtet, er wurde angezeigt, angeklagt, er legte Berufung ein, dann wurde er erneut angezeigt… – Bis der Oberste Gerichtshof 1997 seine Zettelgedichte als Kunst anerkannte und er demzufolge freigesprochen wurde. Doch die Anzeigen bleiben auch weiterhin nicht aus, da er sich mit seiner Art der Kunstausübung angeblich weiterer Sachbeschädigungen schuldig gemacht habe. zetteldichter wien - helmut seethalerAnzeigen bezeichnet der Schriftsteller als “Arbeitszeugnisse”. Von diesen habe er bereits 4.100 gesammelt. Diese Tausende von Anzeigen stellen für ihn auch wichtige Dokumente für Ansuchen bei Kulturförderungen dar. Die größten Komplimente, die er je erhalten hat, waren übrigens wohl zwei Heiratsanträge.

Seit der ersten Veröffentlichung hat sich hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung so einiges verändert; auch die Menschen reagieren anders. In den 1980er Jahren gestaltete sich die Situation anders als heute. Beispiel Schauplatz Kärntnerstraße in unmittelbarer Nähe zum Interview-Ort etwa: Dort waren viele Schulklassen unterwegs, aber auch viele WienerInnen und TouristInnen – die Straße glich einer Flaniermeile. “Eigentlich gab es pausenlos Gespräche mit den PassantInnen,” so der Zetteldichter. Viele haben ihm in der Folge um die Zusendung weiterer Gedichte per Post gebeten und ihm die Briefmarken oder ein paar Schillinge beigelegt. Heute hat die Zahl der Gespräche abgenommen, so auch die Zahl der Abonnements. Am gleichen Schauplatz hat das Tempo zugenommen, die Menschen denken mehr ans Einkaufen und Konsumieren als ans Stehenbleiben; MusikerInnen oder KünstlerInnen werden wenig wahrgenommen. TouristInnen aber auch WienerInnen reagieren nicht mehr wie einst auf seine Art der Präsentation, lassen sich weniger auf Diskurse ein. Die Anzahl der Gespräche hat abgenommen, auch wenn er noch immer mehr Menschen erreicht als andere Kulturschaffende. 

Immer wieder erhält der Wiener Zetteldichter Einladungen an Schulen in ganz Österreich. Die Begegnungen mit dem Autor verlaufen auf einer experimentellen Gesprächsbasis. Daraus entstehen meist die spannendsten Diskussionen und tollsten Gespräche. Helmut Seethaler betrachtet es als eine wichtige Aufgabe, insbesondere für Jugendliche, als Vorbild zu wirken und Weichen für deren Zukunft zu stellen. “Vielleicht sind es gerade meine Texte, die den SchülerInnen gefallen und mit denen sie etwas anfangen können,” so der kuriose Autor. Diese Wirkung erlebt er an Schulen immer wieder. Neben Wien hat er auch Beklebungen in Lüttich oder auch Paris unternommen und auch eine Städtetour durch Deutschland gemacht. Im Sommer 2014 wurde er wieder nach Berlin eingeladen, seine Gedichte an öffentlichen Plätzen auszustellen. 

 Weitere Pflückgedichte von Helmut Seethaler sind online auf www.hoffnung.at oder helmutseethaler.jimdo.com nachzulesen. Wer in Wien verweilt, sollte bei den größeren U-Bahnhöfen wie Westbahnhof, Stephansplatz oder Karlsplatz nach seinen Pflückgedichten oder dem Künstler selbst Ausschau halten. Gegen eine Geldspende können man und frau sich Gedichte zuschicken lassen und wer nachts nicht schlafen kann, wählt am besten die Telefonnummer von Helmut Seethaler, denn auf dessen Anrufbeantworter ist täglich ein frisches Gedicht abhörbar. Helmut Seethaler gibt’s auch auf Facebook und auf Twitter.

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There are 3 comments for this article.
  • helmut seethaler · 

    Manchmal google ich mich: Heute fand ich das:  

    Im parlament wurde ein gedicht von mir vorgelesen:

     Kollegen und Kolleginnen! Wenn man an der Baustelle des Parlaments vorbeigeht, findet man an der Abblendung Gedichte eines Herrn Helmut Seethaler – ein Herr, der überall, wo man Gedichte in Form von Zetterln wie diesem (der Redner hält einen kleinen Zettel mit einem Gedicht in die Höhe) ankleben kann, solche anbringt. Das macht er auf der Kärntner Straße, am Westbahnhof, aber auch hier beim Parlament. Und da ist mir ein Zettel mit folgendem Gedicht in die Hand gefallen – fast wie wenn ich es gewusst hätte, dass ich es heute brauche –:

    Mitmachen heißt mitschuldig sein. Nicht mitmachen heißt nicht immer, unschuldig sein. Nicht mitmachen, aber davon zu wissen und es nicht zu verhindern, macht meist genauso mitschuldig. (Demonstrativer Beifall bei den Grünen und Bravorufe bei Bundesräten der SPÖ und der Grünen.)‎