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September 27, 2013

Resümee eines bewegten Wochenendes. Die Version von Marco

Marco Russo

Schon wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich franzmagazine als Plattform missbrauche, um darin meinen schriftlichen Exaltationen freien Lauf zu lassen. Deshalb im Voraus: sorry, Leserin – entschuldige, Leser – ein Dank der Redaktion.

Irgendwann vergangene Woche beim Kaffee: „Wir spielen kommenden Freitag Abend mit Tanzkreis in Schwaz bei der Vernissage von Theresa. Kommst?“. „Na gut!“ – sagte ich, „Ein kleiner Tapetenwechsel schadet sowieso nie und außerdem hab’ ich dieses Wochenende noch einiges vor mir. Als eingefleischter Neubauten und Blixa Bargeld Fan, möchte ich ihn dieses Mal nicht verpassen. Hab ihn ja schon vor einigen Jahren verpasst und jetzt soll dieses Manko nachgeholt werden.“ Ja: Herr Bargeld war wieder einmal in Südtirol zu Gast und zwar im Rahmen von Transart. Vor lauter Begeisterung wollte ich sogar daraus ein Napalm-Projekt initiieren, einen experimentellen Prozess mit Herrn Bargeld in die Wege Leiten, doch wie so manches im Leben scheiterte dieses Unterfangen im letzten Moment. Wie dem auch sei: Ich packte meine sieben Sachen und fuhr zuerst nach Schwaz, um der Vernissage der jungen Künstlerin Theresa Fischer und der Tanzkreis-Performance beizuwohnen. Die Veranstaltung fand an einem sehr interessanten Ort statt und zwar in den Räumlichkeiten des Kultur- und Sozialprojektes Schrankenlos am Bahnhof ebendieser Stadt. Während dem Betrachten der Bilder wurde mir allmählich klar: Diese junge Frau hat Talent. Etwas voreilig und zu dem Zeitpunkt noch unwissend, welche Impulse ich noch in den darauffolgenden Tagen erhalten würde, beschloss ich einen Beitrag für franzmagazine zu schreiben, da ja mein letzter Beitrag doch schon eine Weile zurück liegt. Nun: der franz-Beitrag blieb lediglich eine unausgearbeitete und notizhafte Skizze:  

Zeichnungen. Nichts mehr und nichts weniger. Einfach – schlicht – da. Als ob es darüber hinaus nichts mehr zu sagen gibt. Eben „nur“ Zeichnungen. Zeichnungen, die ihren Ursprung in einer selbstverständlichen Tätigkeit haben, nämlich im wechselseitigen Spiel von Berührung und Bewegung des Stiftes auf dem Blatt. Zeichnungen, die hauptsächlich mit Bleistift aber teilweise auch mit Buntstift, Aquarell und Pastell geschaffen wurden. Soviel zum Oberflächlichen. Versucht man jedoch dem Kern dieser Zeichnungen auf den Grund zu gehen, gewissermaßen zu versuchen, dieses Oberflächliche zu überwinden, eröffnen sich dem Betrachter neue kleine (Phantasie-)Welten und (Phantasie-)Geschichten, die in ihrer Komposition das Innere mit dem Äußeren, das Reale mit der Fiktion verbinden. Theresa Fischer ist eine junge talentierte Tiroler Künstlerin und ihre Zeichnungen sind noch bis zum 25. Oktober 2013 im Rahmen ihrer ersten Ausstellung im Schrankenlos zu sehen. Zeichnungen in zweifacher Hinsicht: als ausgestellte Objekte und als Titel der Ausstellung.

Nach einer kurzen Impro-Session mit Tanzkreis, nahm ich den letzten Zug und fuhr nach Innsbruck zurück. Am darauffolgenden Tag war ich Mensch genug, um nach Bozen zu fahren. Über diese Veranstaltung möchte ich nicht viel Zeit verschwenden, denn wenn etwas verschwendet gehört, dann ist es nun Mal die Jugend. Der Künstlertalk mit Blixa Bargeld war gut moderiert, doch irgendwie konnte ich persönlich lediglich zwei neue Aspekte in Erfahrung bringen: Blixas Dada-Verständnis und die Tatsache, dass er sich für das Lied „Axolotl“ von einem meiner Lieblingsphilosophen inspirieren ließ – Giorgio Agamben. Einige der vermittelten Informationen sind auf Wikipedia einsehbar und aus dem Publikum kamen auch keine weltbewegenden Fragen. Da ich dieses Wochenende themenzentriert interagierend unterwegs war, besuchte ich am Abend noch die Filmvorführung von Themroc im Stellwerk: Dadanarchitektur. 

NiemandslandNun gut. Am darauffolgenden Tag war ich fit genug, um Richtung Brenner aufzubrechen. Es kam mir regelrecht wie ein Schulausflug vor, ein Ausflug mit netten Freunden und Bekannten, hoch hinauf über den Brenner ins sogenannte „Niemandsland“. Ein utopischer Ort – dafür gibt es kein Wort. Und dieser Tag stand im wahrsten Sinne des Wortes unter dem Stern des „Dada“. Es wurde Länge mal Breite über dieses durchaus interessante Projekt in den Südtiroler Medien geschrieben, z. B. in der Südtiroler Tageszeitung, sodass ich hier keinen reinen Bericht über diese gelungene Veranstaltung schreiben möchte, sondern vielmehr darzustellen versuche, inwiefern der dadaistische Aspekt zur Gänze eingeholt wurde – literarisch, durch die Performance von Blixa Bargeld (Walter Serners „Letzte Lockerung), vor allem ästhetisch.

Da sich „Dada“ nur schwer definitorisch einengen lässt und ich ja kein Literaturwissenschaftler bin, verzichte ich in den folgenden Passagen auf jedwede vorhandene Definition. Ich versuche aus dem Reflex heraus „Dada“ zu skizzieren: Dada ist (falls es überhaupt etwas ist) vielleicht eine kreative Gegenbewegung mit ironischen, zynischen und kritischen Zügen. Dada ist Sprachspiel, Ästhetik und eine grundsätzliche Haltung, mit einem leichten Schimmer an Absurdität. Und das Absurde wurde mir an diesem Tag (positiv) offenbart. Die Wanderung war absurd. Sie war aufgrund des landschaftlichen Bildes des so genannten „Niemandslandes“ absurd. Ein Grenzgebiet auf einer Alm, die Einsiedlerbibliothek umsäumt von Bunkern und schließlich die „Dadacasamatta“, wo Bargeld performte.Blixa Bargeld - NiemandslandVor allem aber war der Veranstaltungsort absurd. Das Plessi-Museum, eine surreale Konstruktion am Brenner, dessen Zustandekommen allein für sich absurd ist. Akustisch war das Konzert in der „Plessi-Turnhalle“ die reinste Katastrophe, die Bühne nur vermeintlich eine Bühne, das Bier bestand vordergründig aus Schaum und hintergründig aus Flüssigkeit und der Weg zum Veranstaltungsort war das reinste Abenteuer: Abenteuerlustige passierten die Zuggleise, weniger Abenteuerlustige durchquerten am Rückweg die stockfinstere Autobahnein- und -ausfahrt

Es ist falsch, diese Zeilen als Kritik aufzufassen. Im Gegenteil: Ein Lob den Veranstaltern, dem gutgelaunten Herrn Bargeld und ein Dankeschön für die letzte Brennerwurst. Denn so absurd auch der letzte Teil des Abends war, war es eine einzigartige Veranstaltung und ein exquisites Konzert. Das, was vielleicht von einigen BesucherInnen als teils misslungenes Event wahrgenommen wurde, hebt sich wieder unter dem Vorzeichen von Dada auf. Ein Kompliment.

Marco Russo im Namen der Innsbrucker-Truppe.

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