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January 22, 2013

Ein Mitwinter-Nachtstraum in einer Latrine

Maximilian Lösch

Tribut an Marcel Duchamp von Lukas Zanotti

Wir (Lukas Zanotti und ich) hatten uns per E-Mail verabredet. Dort vor der Uni, am Eingang um 17:30 Uhr. Ich hatte mir vorher noch einen Block gekauft, da ich hastig das Büro ohne Schreibmaterial verlassen hatte. Wir begrüßten uns und gingen in die Bar gleich gegenüber auf Tee und Kuchen, eine schelmische Vorahnung für unsere nachfolgende Aktion vielleicht?

Wir redeten über dies und das.

Hier einige Fetzen aus unserem Gespräch:

Je mehr man kreativ arbeitet, desto mehr Ideen kommen einem in den Sinn.

Die Schönheit der Natur, von einem Sonnenuntergang ist frustrierend für einen Künstler, man fragt sich ,wie man so etwas nachmachen kann.

Der Atanor ist unser Körper, der lebt und stirbt, der verwandelt und transformiert.

Den Tod ins Tabu relegieren…



Aus dem verschwommenen Rauschen der Vergangenheit taucht die Erinnerung wieder auf, hier der weitere Verlauf unseres Gesprächs:

Lukas: Ich habe auch immer eine andere Arbeit, als die des Künstlers gemacht. Ein Künstler wird sonst autistisch, und schließt sich im elfenbeinernen Turm seines eigenen Selbst ein. Und es hilft auch, sich ein vollständigeres Bild von der Welt zu machen, wenn man sich mit dem Anderen auseinandersetzt.

Wie ist dir die Idee für dein „Omaggio a Duchamp“ gekommen?

Ich glaube, dass wir als Künstler Duchamp etwas schuldig sind. Er hat mit seiner Aktion, ein Pissoir in ein Museum zu stellen, eine Tür geöffnet und eine neue Freiheit geschaffen. Ein Pissoir in ein Museum zu bringen und es allein dadurch zur Kunst zu machen, zeugt von einem gewissen verbrecherischen Instinkt.
Hegel spricht auch davon, in seiner Theorie über das Verbrechen, seiner Meinung nach ist es legitim, was ein Verbrecher macht, er macht, was er macht, er macht nichts Böses, er bewegt sich einfach entlang des Zerstörungsprinzips, welches in der Natur besteht. Der Willen, die Voluntas der Welt, kreativ und destruktiv, Leben und Tod, auch die zerstörerische Kraft, der Tod, sollte den gleichen Stellenwert haben wie das Leben, sonst verbannt man es ins Böse, ins Tabu.

Das ist ja genau das, was in unserer Kultur seit so vielen Jahrhunderten passiert.

Ja genau, in der Bibel im Buch Hiob, stellt sich die Frage, wieso gibt es das Gute und das Böse. Das Böse haben wir erschaffen, um den Schmerz abzusondern, um den Schatten zu verbannen, ihn zu leugnen, um ihn auzuweisen.
Zurück zu Duchamp… Der Tod der Kunst, wie Hegel ihn beschreibt, ist wenn der künstlerische Wert durch einen rein ästhetischen Wert ersetzt wird, wenn es nur mehr um einen Anschein geht. Ein Urinal in ein Museum zu bringen macht genau das, allein durch den Kontext des Museums, des Gebäudes, wird es zur Kunst. Er hat aber den Wert einer solchen Handlung erkannt.

Und wie verbindet sich das mit deiner Aktion im Klo?

Was ich machen möchte, ist in gewisser Weise umgekehrt, ich bringe ein Kunstwerk in ein Klo, ich nehme ihm auf den ersten Blick den Kontext und nehme ihm also diesen vermeintlich künstlerischen Wert. Ich hatte immer ein besonderes Verhältnis zu meinen Werken. Ich kann sie nicht allzu lange behalten. Irgendwann kriege ich das Gefühl, dass ich sie loswerden muss, sie generieren ein Gefühl der Ablehnung. Ich weiß nicht genau, wieso…

Vielleicht könnte es so etwas sein: Wenn man sich vorstellt, dass die künstlerische Arbeit eine kathartische oder alchemistische Qualität hat und sie eine Aufarbeitung von einem Thema aus dem Unterbewussten darstellt, vielleicht entsteht daraus der Wunsch sie dann auch irgendwann loszuwerden.

Ja, das könnte sein, sie werden zu einer psychologischen Schlacke, die ich los werden will, wie Schweiß oder Fäkalien. Also passt das Klo sehr gut, sie haben eine Verbindung mit dem Klo.

(beide lachen)

Die Zeichnungen (Wachskreide auf Papier) stellen den Atanor, das Alchemistische Gefäß dar, dort wo die Transmutation der Materie durch die vier alchemistischen Phasen passiert… Die erste Phase ist die schwarze Phase, die Nigredo, die Verwesung, die Materie zerfällt, und aus ihr heraus entsteht die zweite Phase, die Albedo oder Weisung, das Licht des neuen Tages nach der Durchquerung der Nacht der Seele. Nigredo kommt von der schwarzen Erde, mit welcher der Nil bei seinen Überschwemmungen jedes Jahr neue Fruchtbarkeit gebracht hat.
Einer meiner Träume war es Bauer zu werden, denn dort muss man wirklich den Rhythmen der Natur folgen, es ist eine sehr tief gehende Tätigkeit, körperlich wie geistig, mit den Händen zu arbeiten und zu berühren, etwas wachsen zu sehen, man beginnt die Welt besser zu verstehen. Es ist auch so in der Alchemie.
Der wahre Alchemist ist derjenige, der handelt, der das Werk umsetzt, es ist mit der Zeit eine sehr intellektuelle Disziplin geworden, aber der ursprüngliche Alchemist handelte.

(er zeigt mir die Zeichnungen, welche wir in den Klos aufhängen werden)

Tribut an Marcel Duchamp von Lukas Zanotti

Wie bist du beim Malen vorgegangen?

Die verschieden Zeichen sind teilweise durch Zufall entstanden, teilweise bewusst gewählt, ich hab mit Kontrasten und Licht gespielt. Die sind auch schon einige Jahre alt, einige habe ich im Jahr 2007/2008 und auch später gemalt…

Aber zurück zum Klo, es ist doch ein sehr interessanter Ort…

Ja, das Klo ist der intimste und ein sehr besonderer Ort, denn dort äußert man ein Tabu, eine Handlung, die vor anderen zu verrichten, sich die meisten Menschen schämen. Dort passieren viele verbotene Handlungen, auf öffentlichen Klos werden Drogen gespritzt, man trifft sich zum Sex….
Jetzt ist es aber Zeit für unser Tribut an den verbrecherischen Duchamp… Eine ästhetische und soziale Aktion.

Dann sind wir aufgestanden, haben bezahlt und sind wieder über die Straße in die Uni gegangen. In den Klos haben wir dann einige Werke von Lukas an die Wand geklebt, es war eine sehr schöne Handlung, teilweise waren die Besucher des Klos überrascht, andere haben uns völlig ignoriert, andere sind etwas erschrocken. Dennoch war es eine sehr schöne alchemistische Aktion und es war eine große Freude dabei zu sein!

Tribut an Marcel Duchamp von Lukas Zanotti

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